[Rezension]: "54 Minuten. Jeder hat Angst vor dem Jungen mit der Waffe" von Marieke Nijkamp

16. Oktober 2017






Originaltitel: This Is Where It Ends
Preis:  14,99     (Taschenbuch)
             € 12,99     (eBook)
Verlag: Fischer FJB
Erscheinungsdatum: 21. September 2017
Seitenanzahl: 336
Reihe: -
Bewertung: *** (3)









54 Minuten, die alles zerstören 

Es passiert nicht viel im verschlafenen Opportunity, Alabama. Wie immer hält die Direktorin in der Aula der Highschool ihre Begrüßungsrede zum neuen Schulhalbjahr. Es ist dieselbe Ansprache wie in jedem Schulhalbjahr. Währenddessen sind zwei Schüler in das Büro der Schulleitung geschlichen, um Akten zu lesen. Draußen auf dem Sportgelände trainieren fünf Schüler und ihr Coach auf der Laufbahn für die neue Leichtathletiksaison. Wie immer ist die Rede der Dirketorin exakt um zehn Uhr zu Ende. Aber heute ist alles anders.

Als Schüler und Lehrer die Aula verlassen wollen, kann man die Türen nicht mehr öffnen. Einer beginnt zu schießen. Tyler greift seine Schule an und macht alle fertig, die ihm unrecht getan haben. Aus der Sicht von vier Jugendlichen entfaltet sich der Amoklauf, bis die letzte Kugel verschossen ist.


Kapitel Eins
10.01 Uhr - 10.02 Uhr

Claire

Als der Startschuss die Stille zerreißt, sprinten die Läufer auf den Blöcken los.



Als angehende Lehrkraft, wenn auch für die Grundschule, interessiert mich das Thema Amokläufe und die psychologischen Hintergründe sehr. Deshalb habe ich mich umso mehr gefreut, bei der Vorableserunde zu Marieke Nijkamps Roman "54 Minuten" dabei sein zu dürfen. Es war auch das erste Mal, dass ich ein solches Buch gelesen habe und auch wenn es mich emotional nicht komplett abgeholt hat, war es dennoch eine Bereicherung. 

Der Roman ist aus der Sicht von vier Schülern der Opportunity High geschrieben. Claire und ihr bester Freund befinden sich während der alljährlichen Begrüßungsrede der Direktorin außerhalb der Schule auf der Laufbahn, um zu trainieren. Auch Tomás und sein bester Freund sind zu dem Zeitpunkt des Amoklaufes nicht in der Aula, sondern verbotenerweise im Büro der Direktorin. Nur Sylv und Autumn nehmen an der Begrüßungsrede teil, die heute ganz anders endet, als es sich jemals jemand hätte vorstellen können. Denn plötzlich ertönen Schüsse und alle Fluchtwege sind verschlossen... 
Die Protagonisten stehen alle miteinander in Verbindung, vor allem aber in irgendeiner Art und Weise in Verbindung mit dem Amokläufer selbst. Hierbei ist es vor allem interessant, wie die verschiedenen Meinungen und Empfindungen über ihn auseinander gehen.  So ist Claire die Exfreundin von Tyler, dem Amokläufer und hat ein eher positives Bild von ihm. Auch seine Schwester, Autumn, teilt diese Gefühle. Einzig und allein Tomás weiß, welche panische Angst seine Schwester Sylv vor Tyler hat. Jeder der Protagonisten hat sein eigenes Päckchen zu tragen und geht anders mit der ganzen Sache um. Auch die häuslichen Umstände und eigene, persönliche Herangehensweisen spielen eine große Rolle und lassen nur erahnen, was Tyler dazu bewegt hat, diesen Amoklauf umzusetzen. 

Der Schreibstil der Autorin hat mir gefallen, war aber leider sehr distanziert. Viele sahen genau dies als positiv an, allerdings hatte ich dadurch große Probleme mich mit den einzelnen Protagonisten zu identifizieren und mit ihnen mitzufühlen. Aufkommende Furcht und Panik kamen in keinster Weise bei mir an und auch das Blutbad hat mich kalt gelassen. Vielleicht auch, da ich mich mit einigen der Protagonisten einfach nicht anfreunden konnte.  So ein Erlebnis wünscht man allerdings keinem und eigentlich müsste einem als Leser selbst der unsympathischste Charakter leid tun. Da der Fokus des Buches aber voll und ganz auf den Protagonisten und nicht auf dem Amoklauf selbst lag, blieb der gewünschte Effekt leider aus.
Der Roman spiegelt die 54 Minuten wieder, die der Amoklauf andauert. 54 Minuten, in denen alles und nichts passiert. 54 Minuten die so kurz sind und doch so elendig lang erscheinen. Als Leser fand ich dies sehr spannend und ich musste mir immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ja nur eine Minute vergangen ist. In den einzelnen Zeitabschnitten kommen mal alle, mal nur einige der vier Protagonisten zu Wort. Außerdem sind am Kapitelende oft Twitternachrichten abgedruckt. Hier sieht man, welche Auswirkungen Social Media hat und wie schnell sich das ganze wie ein Lauffeuer verbreitet. 

Gegen Ende nahm das Buch endlich an Fahrt auf. Besonders auf den letzten Seiten kam alles zusammen und ich habe doch noch einige Tränen verdrückt. Leider wertet dies nicht die anderen Seiten auf. Das Buch war ein Erlebnis, keine Frage. Dennoch wurde ich emotional nicht dort abgeholt, wo es hätte sein sollen und ich bin mit der vorhandenen Distanz einfach nicht klar gekommen. Ein sehr interessantes Thema, bei der es meiner Meinung nach etwas an der Umsetzung haperte.



Marieke Nijkamp spricht ungefähr ein Dutzend Sprachen und hat Philosophie und Geschichte studiert. Seit ihrer Studienzeit schreibt sie auf Englisch. So kam sie auf die Idee, in den USA zu publizieren, wo ihr Roman 2016 ein Riesenerfolg wurde. Die Autorin lebt in den Niederlanden.

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